Die Fastenzeit, auch österliche Bußzeit genannt, steht bevor. Sie ist vor allem eine Zeit der Vorbereitung auf Ostern, das höchste Fest der Christenheit. Ostern ist ein Fest für uns alle, da es unsere eigene Erlösung vor Augen stellt. Der Himmel wird für uns geöffnet. Es wird uns gut tun, wenn wir in der Fastenzeit auf allen Ebenen unser Lebenstempo drosseln und leiser treten.

Menschen absolvieren heute um viel Geld Fastenkuren. Die Fastenzeit fordert uns heraus, dass wir einfacher leben und uns dabei sogar Geld sparen. Mit einiger Disziplin können wir uns einer persönlichen Fastenkur unterziehen. Wir werden staunen, was dabei alles in uns hochkommt.
Die Fastenzeit in der Kalvarienbergkirche steht in diesem Jahr unter dem Motto „Soziale Gerechtigkeit“. Papst Franziskus † hat wiederholt von der „sozialen Ungleichheit“ gesprochen. Sie ist Wirklichkeit auf der ganzen Welt. Bei meinen Reisen nach Tansania habe ich das eindrücklich erlebt. Als ich das erste Mal mit Kaplan Dr. Martin Mluanda † seine Heimat besucht habe, sind wir eines Abends beisammengesessen und haben jeder zwei Safari-Bier getrunken. Beim Zahlen sagte er: „Jetzt haben wir ein Monatsgehalt eines durchschnittlichen Einwohners dieses Landes vertrunken.“ Das hat mich sehr betroffen gemacht.
Werfen wir einen Blick in eine österreichische Statistik: Laut einer Schätzung aus dem Jahr 2024 gibt es in Österreich etwa 50 Milliardäre. Ihnen gegenüber stehen ca. 1,5 Millionen Menschen, die armuts- oder ausgrenzungsgefährdet sind. Das entspricht einem Anteil von 16,9 % der Gesamtbevölkerung. Diese letzte Zahl ist schockierend, als absolute Zahl wie auch im Verhältnis zur Zahl der Milliardäre. Wir sind aufgerufen, dass wir uns dieser Wirklichkeit stellen und weiter, dass wir sehen, was sich darüber hinaus neben uns und in der Welt ereignet.
Ich lade Sie ein, in dieser österlichen Bußzeit sich auf die Wirklichkeit einzulassen. Verklären, romantisieren wir nicht Umstände, sondern sehen wir alles so, wie es ist. Darüber hinaus lade ich Sie ein, Verzicht zu üben und so einen persönlichen Teil zur sozialen Gerechtigkeit beizutragen.
Msgr. Dr. Karl Engelmann
