Nicht sitzen! Gehen!

Einer Krankenkassen-Studie zufolge befinden sich erwachsene Menschen im Durchschnitt 7,5 Stunden am Tag in sitzender Position: Vor dem Fernseher, vor dem Computer, im Auto, in der Schule, überall wird gesessen. Kein Wunder, dass Rückenleiden, Muskel- und Skeletterkrankungen im Steigen begriffen sind.

Das viele Sitzen führt aber nicht nur zu körperlichen Defekten. Es widerspricht auch diametral der spirituellen Körperhaltung der Christen: dem Gehen. Im Unterschied zu fernöstlichen Religionen, die Heilung durch ausgedehntes, meditatives Sitzen erreichen wollen, führt im biblischen Glauben die Gotteserfahrung zum Aufbruch: Im Unterwegssein findet der Mensch zu sich und zu Gott.

„Geh fort aus deinem Land in das Land, das ich dir zeigen werde!“, ruft Gott den Abraham. „Geh! Führe mein Volk aus Ägypten heraus!“, beauftragt Gott den Mose beim brennenden Dornbusch. Mit dem Ruf „Folge mir nach!“, beginnt auch Jesus seine ersten Jünger zu sammeln. Auch die letzten Worte Jesu vor seiner Himmelfahrt klingen wie am Anfang, wenn er sich an Petrus wendet: „Du aber folge mir nach!“

Christliche Nachfolge ist Interesse an Jesus selber, weil er der Weg ist, auf dem der Mensch zu Gott und zu seinem wahren Selbst findet. „Meister, wo wohnst du?“, fragen Jesus die ersten berufenen Jünger. „Kommt und seht!“, ist seine Antwort.

Deshalb scheint mir das Pilgern so wichtig. Das Aufbrechen beugt der Erstarrung vor und knüpft neue, lebendige Beziehungen zu Gott, zur Schöpfung, zueinander und zu sich selbst. Wer unterwegs bleibt und mit Christus in Bewegung bleibt, verhindert, dass die Religion zum Mythos, zu einer Idee oder gar zu einer Ideologie verkommt. Das Zweite Vatikanische Konzil hat deshalb 1964 das uralte Bild von der pilgernden Kirche neu belebt und von einer Kirche gesprochen, die „zwischen den Verfolgungen der Welt und den Tröstungen Gottes auf ihrem Pilgerweg dahinschreitet“: mit Christus dem Ziel entgegen.

Wolfgang Kimmel, Pfarre Dornbach

Berufung eines Verachteten. Das wuchtige Bild Caravaggios zeigt die Berufung des Zöllners Matthäus. Als  Steuereintreiber, die die römische Besatzungsmacht finanzierten und sich meist selbst bereicherten, galten die Zöllner als Sünder. Diese Szene ist – wie er selbst sagt – eine der biblischen Lieblingsstellen von Papst Franziskus, „weil man dort die Macht sieht, die Jesus hat, um Herzen zu verändern.“

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