Die Bibel: Das Buch der Bücher

Für das heurige Jahr haben die Österreichische Bischofskonferenz und das katholische Bibelwerk ein Jahr der Bibel ausgerufen. Grund dafür war das Erscheinen einer neuen Einheitsübersetzung der Bibel für den deutschsprachigen Raum im vergangenen November.

Fachleute waren seit 2006 damit beschäftigt, das „Buch der Bücher“ in einer zeitgemäßen Ausdrucksweise wiederzugeben. Wesentlich dabei war das Bestreben, so weit wie möglich an den Urtext heranzukommen sowie dort, wo es möglich ist, geschlechtergerechte Aussagen zu treffen (zum Beispiel statt „Brüder“: „Brüder und Schwestern“). Nun, was bedeutet die Bibel für die Christen? Was für das persönliche Leben?

Für die Christenheit ist die Bibel das Wort Gottes an uns Menschen. Die Christen glauben, dass Gott sich durch viele verschiedene Menschen hat vernehmen lassen, dass er das aber am authentischsten und unüberbietbar getan hat in der Person des Jesus von Nazareth. Zu berücksichtigen ist bei allem „Sprechen Gottes“, dass das Gotteswort immer in Menschenworte gekleidet ist und diese Umkleidung natürlich von der Zeit, der Kultur und dem Milieu ihrer Entstehung geprägt ist.

Die Bibel ist für uns Christen das Buch mit der grundlegenden Bedeutung für unseren Glauben. Deshalb ist sie auch die Richtschnur für die ganze Lehre der Kirche. In der heiligen Messe verkünden wir das gelesene Bibelwort als „Wort des lebendigen Gottes“, von dem wir Leben, Liebe und Hoffnung empfangen.

Die Worte der Bibel sind ein starker Antrieb für ein Leben, das der Nächstenliebe gewidmet ist. Viele Menschen schöpfen Kraft aus dem Lesen der Heiligen Schrift, die Heiligen der Kirchengeschichte haben durch sie Kraft zu einem außerordentlichen Leben empfangen. Auch heute gibt es Menschen, die die Bibel zur Hand nehmen, um gute Entscheidungen für ihr Leben zu treffen.

Die Bibel erzählt von der großen Liebesgeschichte Gottes mit den Menschen. Sie besteht aus zwei Teilen, dem Alten und dem Neuen Testament. Das Alte Testament verbindet das Christentum mit dem Judentum. Es erzählt von der Erschaffung der Welt und der Erwählung des Gottesvolkes Israel. Das Neue Testament legt Zeugnis ab von Jesus Christus. Es berichtet, wie das Evangelium von Galiläa (dem Gebiet des Wirkens Jesu in Nordisrael) aus in die ganze damals bekannte Welt getragen wurde. Beide Teile der Bibel gehören untrennbar zusammen, denn es gibt nur einen Gott: Sein Wort hat die Welt erschaffen, und es ist Fleisch geworden in Jesus Christus. Deshalb wird das Neue Testament im Licht des Alten Testaments gelesen und das Alte Testament im Licht des Neuen Testaments.

Mit den Worten der Bibel sich auseinanderzusetzen lohnt sich. Es sind Worte zum Leben, die das persönliche Dasein durchdringen und ihm eine neue Gestalt verleihen können: eine unabhängige Gestalt, fest verwurzelt und aufrecht in sich selbst, schmiegsam und dienstbereit gegenüber allen Mitgeschöpfen.

Es überrascht mich nicht selten, wie bewandert Juden und Muslime in ihren heiligen Schriften sind – und wie wenig Christen die Bibel kennen. Deshalb hoffe ich, dass das Jahr der Bibel vielen als Impuls dienen wird, sich mit der Heiligen Schrift auseinanderzusetzen.

Es ist ratsam, langsam, mit ruhigem, offenem Geist in ihr zu lesen. So besteht die Chance, dass der Inhalt einzelner Sätze oder auch nur einzelner Worte den Leser und die Leserin in tieferen Schichten des Bewusstseins berühren kann.

Wer die Bibel ohne Glauben liest, für den bleibt sie bedrucktes Papier. Wer sie aber in jenem Geist liest, in dem sie geschrieben wurde, der findet Gottes Wort in ihr und mit ihm Antworten auf viele Fragen des Lebens. Ein solcher Mensch wird dann anders denken, fühlen, reden und handeln. Auch anders beten wird er. Glaube, Hoffnung und Liebe werden in ihm wachsen und sich entfalten. Das so gewandelte, neue persönliche Leben ist dann selbst ein „Wort des lebendigen Gottes“. Darauf kommt es an.

Pfarrer Karl Engelmann

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