5. Fastensonntag – Das gestorbene Weizenkorn

Dr. Karl Engelmann

Das Gesetz des Lebens ist dem Gesetz der Liebe verwandt: Geben und Empfangen bedingen einander; Schenken ist Beschenktwerden. Der Mensch gewinnt sein Leben in dem Maß, wie er bereit ist, es für andere hinzugeben. (Wer sich dagegen aufsparen will, dessen Leben bleibt mickrig und unfruchtbar.) Jesus hat es uns gesagt und selber vorgelebt: Weil er gestorben ist, haben wir das Leben. Es ist zwar unbegreiflich, dass wir durch seinen Tod gerettet sind. Dennoch: Es ist eine Wirklichkeit unseres Glaubens.

Am Sinai hatte Gott mit Israel einen Bund geschlossen; Israel war sein heiliges Volk geworden. Als Satzung des Bundes hatte es die Zehn Gebote empfangen. Aber diesen Bund hat Israel oft gebrochen, und es ist nicht imstande, ihn von sich aus zu erneuern. Nun aber, in einer Zeit der Krise und des Gerichts (um 600 v. Chr.), verkündet der Prophet, dass Gott einen neuen Anfang setzen möchte; dass er alle Untreue vergeben und dem Volk ein neues Herz und einen neuen Geist schenken wolle. So werde auf neue Weise wahr werden: „Ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein.“ Diesen „neuen Geist“ haben wir bereits empfangen. Er ist in Christus in unser Leben hineingesenkt.

Wiederholt hat Jesus von seiner „Stunde“ gesprochen, der Stunde seiner „Erhöhung“ durch Tod und Auferstehung. „Wir wollen Jesus sehen“, sagen einige Griechen in Jerusalem. Jesus antwortet mit dem Hinweis auf sein bevorstehendes Sterben. Das Weizenkorn muss sterben, um Frucht bringen zu können. Danach wird auch die Heidenwelt ihn sehen und an ihn glauben können.

Die Schriftlesungen des fünften Fastensonntags sind herausfordernd. Sie reden vom Sterben, um zu leben. Das hat massive persönliche Konsequenzen. Sterben heißt, dem zu entsagen, was das wahre Leben verhindert. Auch kirchlich bzw. pfarrlich müssen wir in manchen Belangen sterben, damit es zu einem Prozess der Auferstehung kommt. Wir sind Meister im Behalten und Fortführen. Wir müssen aber Meister im Erneuern, im Loslassen werden. Aus der Natur wissen wir, was mit einem Samenkorn geschieht. Es sinkt in die Erde, wo es der Person nach stirbt. Aber es entwächst dem Boden wieder, es wird also der Überperson nach wieder lebendig und zwar als neues Wesen, und als solches vervielfältigt es sich in seinen Früchten. Haben wir sowohl persönlich auch pfarrlich den Mut, manches sterben zu lassen, damit Neues entstehen kann! Manches stirbt von selbst, bei manchem müssen wir nachhelfen (legale Sterbehilfe). Als Pfarrer stelle ich mir intensiv die Frage: Wie soll es nach Corona weitergehen? ‒Sehen Sie eine Antwort?

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