Gründonnerstag

Boris Porsch

Im heutigen Tagesgebet wird proklamiert, dass Jesus uns das Gastmahl seiner Liebe gestiftet hat. Das Gastmahl „seiner“ Liebe.

Es gibt theologische Auseinandersetzungen darüber, ob Jesus nun mit seinen Jüngern ein traditionelles Paschafest nach jüdischem Brauchtum gefeiert hat, oder nicht. Joseph Ratzinger antwortet darauf, dass sei eine wichtige Frage, jedoch sei es letztendlich wichtig, zu erkennen, dass Jesus „sein“ Pascha gefeiert hat.

„Sein“ Pascha, das Gastmahl „seiner“ Liebe.

Die jüdischen Riten seiner Zeit konnten die in die Brüche gegangene Beziehung zwischen Gott und Mensch nicht wieder herstellen. Sie waren oberflächlich und hohl. Die Menschen vermochten nicht aus eigener Kraft, dem Bund treu zu bleiben, diese Beziehung mit Gott zu halten. Ratzinger meint: Die Riten waren „Darstellungen“ dieser Versöhnung, aber sie „waren“ nicht die Versöhnung – sie erreichten nicht die notwendige existentielle Tiefe.

Es brauchte jemanden, der seine ganze Existenz in die Waagschale legte, um dem Bund der Liebe treu zu bleiben, und so hat Gott selbst die Initiative ergriffen, um den Bund mit den Menschen zu erfüllen. Ganz und unwiderruflich. Und zwar als Mensch auf Seiten der Menschen – für die Menschen, damit wir wieder mit Gott in Beziehung treten können.

Man könnte sagen, er ist in einer Undercovermission tief ins Feindgebiet eingedrungen und hat von dort aus eine Rettungsaktion gestartet. Er hat die Grenzen des Menschlichen überwunden und das Göttliche in die menschliche Existenz gebracht. Oder:Das Menschliche in das Göttliche gezogen.

Und Der Rettungsanker, der uns mit dem Göttlichen verbindet, ist eben „sein“ Gastmahl – die Eucharistie in Brot und Wein, die er uns hinterlassen hat. In diesem Gastmahl erhalten wir Anteil an der göttlichen Liebe.

Jesus hat seinen Jüngern einen Auftrag gegeben, dieses Gastmahl zu wiederholen. In diesem Gastmahl liegt der Ursprung und die Mitte der Kirche! Sie transportiert „sein Gastmahl“ durch die Zeiten. Und in diesem Gastmahl werden wir zu Brüdern und Schwestern!

Die Teilnahme an „seinem Gastmahl“ hat eben dadurch auch diese ganz konkrete gemeinschaftliche Bedeutung. Wir erhalten Anteil am Sohn Gottes, wir werden „Miterben Christi“,  Wir werden ihm gleichgestaltet. Wir werden wie Jesus „Kinder Gottes“ und können wie er Gott unseren Vater nennen. Daraus und aus keinem anderen Umstand sonst bildet sich die „christliche Geschwisterlichkeit“ heraus, eine Gemeinschaft, die zu einem gemeinsamen Vater betet. Wir beten ja das „Vater Unser“ und nicht das „Vater meiner“

Die Heilsperspektive, die sich jedem einzelnen von uns in diesem von Jesus gestifteten Gastmahl, in der Eucharistie, eröffnet, trägt durch unsere Teilnahme einen ganz fundamental gemeinschaftlichen Charakter! Es ist natürlich einfacher, wenn man auf eine privatistische Gottesbeziehung aus ist: Ich und mein Gott. Aber das, was wir hier am Tisch des Herrn empfangen, will Gestalt annehmen in uns. UNTER UNS

Was würde es bringen, wenn wir die Liebe empfangen und sie nicht teilen. Wenn wir sie nicht für andere spürbar und erlebbar machen, wenn wir diese Freude nur für uns behielten?  Oder einzig und allein dann für andere da wären, wenn sie sich nach unseren Wünschen verhielten? Wieviel Energie stecken wir hinein, wenn es um unsere Anliegen, unsere Ideen und Pläne und Gewinne geht? Wie oft kommt es vor, dass wir unserem Nächsten und seinen Bedürfnissen ein wenig Raum geben; Dass wir uns überhaupt fragen: Was braucht der andere? Interessiere ich mich überhaupt für ihn? Dass wir fragen: „Was brauchst DU?“

Jesus dreht diesen Spieß um. Ganz konkret, nicht in irgendeinem symbolischen Sinn. Das Opfer offenbart den Preis, das Gewicht des Werkes! Wenn jemand für einen anderen etwas opfert zB. Seine Zeit, dann zeigt das ja, dass ihm der andere wichtiger ist als seine Zeit. Jesus liebte uns mehr als sein eigenes Leben! Ein anschauliches Symbol für diese Liebe ist die Fußwaschung. Jesus wäscht seinen Jüngern, seinen Freunden die Füße, um ihnen seine Hingabe zu zeigen, um sie zu veranschaulichen, ein Beispiel zu geben.

Im Evangelium lesen wir:

„Begreift ihr, was ich an euch getan habe? […] Ich habe euch ein Beispiel gegeben,
damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“

Jesus übernimmt hier eine Rolle, sehr zur Überraschung der Jünger und unter Protest des Apostels Petrus, die zur damaligen Zeit ausschließlich Sklaven vorbehalten war. Er beugt sich vor seinen Leuten ganz hinunter. Mit dieser Handlung schreibt er in die Verfassung der Kirche einen schockierenden Grundsatz hinein: „Wer der Erste sein will, muss der letzte von allen und der Diener aller sein“. Frei nach LK 22,26: „Überall um euch herum gieren die Menschen nach Macht und dem Profit, den die Macht bringt, „Bei euch soll es aber nicht so sein!“

Jesus beharrt darauf, dass in der Familie seiner Nachfolger die Autorität auf dem Primat des Dienstes gegründet ist. „Die wahre Macht ist der Dienst“ schreibt auch Papst Franziskus. Denn der Dienst setzt uns frei und sucht zuerst die Freisetzung des anderen. Das Ganze mag an unserem Stolz kratzen und ist doch eine Botschaft der Freude. Wenn Jesus, der Herr und Meister, eine Sklaventätigkeit ausübt, dann sagt er damit etwas bisher und im wahrsten Sinne des Wortes „Un-Erhörtes“:

Gott geschieht dort, wo sich der Mensch in Demut und in Liebe einem anderen zuneigt.

„Wo die Güte und die Liebe wohnt, dort nur wohnt der Herr!“ heisst es in einem Hymnus zum Gründonnerstag. Dieses Herabsteigen von unserem hohen Roß, das sich-dem-Nächsten-Zuwenden, ohne die eigenen Erwartungen hineinzubuchstabieren, kann oft beißen und uns zeitweise viel abverlangen, aber es kann für alle Beteiligten eine Form der Gottesbegegnung, ein Ausdruck der Liebe Gottes werden, den wir uns jeden Tag gegenseitig schenken können.

Das hört sich vielleicht kompliziert an, aber ich habe einen Text eines meiner liebsten brasilianischen Musikers gefunden, der die Botschaft der Fußwaschung in aller Einfachheit rüberbringt. Brasilianer sagt man ja das Talent nach, manches etwas einfacher und beschwingter auszudrücken, als es unsere verkopfte, westliche Mentalität manchmal zulässt:

Frei aus dem Portugiesischen übersetzt heisst es da:

„Lass mich lernen, was die Liebe ist,
Obwohl es das schwerste sein kann.
Lass den Regen kommen und dich waschen.
Eine Nachricht, die einfach zu verstehen ist.
Singend rufe ich ein „Hallo“,
An den der glaubt, dass du glücklich sein kannst,
wenn du den anderen glücklich siehst.
Und dort öffnet sich dein Herz und dein ganzes Lächeln.“

                                                                                              AMEN

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