Das Weltgericht

P. Lorenz Voith CSsR, Redemptoristen-Marienpfarre Hernals

Wie ist es nun mit dem „Himmel“, mit dem „Gericht“, mit der vermeintlichen „Hölle“?

Im heutigen Evangelium geht es um die Beschreibung eines „Weltgerichtes“. Der König, also Christus selbst, sitzt zu Gericht und teilt die Einzelnen auf die Seite der Schafe oder auf die Seite der Böcke.

Die Kriterien für diese Entscheidung oder diese Trennung zur „linken oder zur rechten Seite“ sind aus den Seligpreisungen Jesu genommen: wie ging ich um mit den Hungrigen, den Durstigen, den Fremden, den Obdachlosen, den Menschen ohne genügend Kleidung, den Kranken oder den Gefangenen?

Nicht Dogmentreue oder moralische Gesetze, nicht Konfessionszugehörigkeit, ja nicht einmal Religionsgrenzen, sind also hier in erster Linie entscheidend für den König, der Gericht hält.
Immer wieder unterstrichen Theologen und Seelsorger in den letzten Jahrzehnten wie wichtig es sei, das Evangelium als wirkliche „frohe und heilende Botschaft“ zu begreifen und zu erfahren. Andere Traditionen davor (auch bei vielen Volksmissionspredigten), die den Focus auch auf das Gericht, die Hölle, den Teufel usw.  betonten, wurden zurückgestellt.

Ich sage dazu: Gott sei Dank!

Damit wurde der wesentliche Schatz der Botschaft Jesu Christi neu gehoben und bewusster gemacht. Viele Ängste und Skrupel von Gläubigen wurden damit genommen.

Und doch: die Texte des Gerichtes, die immer wieder am Ende des Kirchenjahres vorgelesen, oder aber an Heiligenfesten und bei Begräbnissen verwendet werden, nehmen auch die Wirklichkeiten des Gerichtes, der Entscheidung Gottes und der wesentlichen Kriterien für meine Verantwortung als einzelner Mensch, in den Blick.

Die Fragen „Wie ist das nun mit der Gerechtigkeit Gottes?“ „Wie wird das sein mit der anderen Welt, mit meiner Verantwortung vor Gott?“ bleiben für uns Christen und wohl auch für alle anderen Menschen unter diesem Erdenzelt bestehen.

Und die Fragen so mancher, wie sieht dann die „Entscheidung“ Gottes bei den vielen Massenmördern dieser Menschheitsgeschichte aus: von den Königen und Fürsten vor Jahrtausenden, z.B. Alexander dem Großen oder Caligula, bis zu den Despoten und Tyrannen des 20. oder 21. Jahrhunderts, von Stalin und Hitler und Mao, bis zu den Terroristen unserer Tage und den vielen Helfern und Helfershelfern?

Wie schaut es aus mit der Lebensbilanz der vielen kleinen Tyrannen in Familien und Sippen; der Mächtigen, die letztlich anderen das Leben zur Hölle auf Erden gemacht haben oder machen?
Die Frage bleibt: Wie wird der König des Himmels sich zu diesen Lebensbiografien stellen? Wie werden die Fragen und wie werden die Antworten lauten? Niemand weiß, wie Gott letztlich entscheiden wird.

Niemand von uns weiß auch die letzte tiefe innere Mitte all dieser Menschen. Aber, dürfen wir so leichtfertig gleich alles der Barmherzigkeit Gottes unterstellen? Werden wirklich alle einen Platz in der Anschauung Gottes erhalten – ganz unabhängig ihrer Lebensbilanz?

So komme ich nochmals zur Frage: Was zählt vor Gott?

Und die Antwort darauf gibt uns Jesus. Die Antwort vermittelt uns auch – in aller Treue zur Heiligen Schrift – die Kirche.

Was zählt ist die Liebe; das offene Auge für den anderen und damit für Gott. Die Seligpreisungen sind uns dabei eine Hilfe: „Wo war ich? Wie habe ich mich verhalten? Wo stand ich in dieser oder jener Situation? Habe ich auch Gott selbst in meinen Mitmenschen entdeckt; war ich mir selbst gerecht und barmherzig, …?“

Ein letztes wichtiges Mosaik zum heutigen Sonntagsevangelium: Christus ermutigt uns, wenn er sagt: „Ich bin gekommen die zu retten, die verloren sind. Ich bin gekommen, die zu erlösen, die gefangen sind“: in sich selbst, in den Strukturen, in Fixierungen, in Ungerechtem. D.h. auch das gehört zur befreienden und heilenden Botschaft Gottes durch Christus: es gibt nichts in der Welt, das nicht auch abgewaschen werden könnte; es gibt nichts unter dem Erdenhimmel, das nicht auch Vergeben finden kann.

Wer dieser Zusage Jesu traut, wer sich darauf einlässt, wird vielleicht damit auch ein Anderer in seinem Leben. Wir sind nicht in ein denkbares „Forderungskorsett“ der Seligpreisungen gezwungen; diese bleiben uns aber als Christen eine Richtschnur und eine Zusage. Vielleicht gehören wir aber auch selbst – jeder auf seine Weise und zu verschiedenen Zeiten – zu den Kranken, den Gefangenen, den Hungernden, den Durstigen, den Armen?

Was letztlich zählt, und womit die Welt immer wieder verändert werden kann, im Kleinen wie im Großen, ist die Liebe. Und diesen Begriff können wir dann viel weiter umschreiben: es ermutigt uns dann vielleicht in unserer Verantwortung, Zivilcourage, Offenheit, Barmherzigkeit. Haben wir ein „gutes Herz“ zu uns selbst und zu unseren Nächsten?

Wenn wir unter dieser Zusage, unter dieser Einladung unser Leben zu gestalten versuchen, trotz aller Grenzen, Krisen und auch bitterer Herausforderungen, dann dürfen wir auch auf den Weltenrichter hoffen, der uns auf die „rechte Seite“ stellen wird. Ich wünsche uns allen dieses tiefe Vertrauen.

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